Das Social Science Research Network (SSRN) ist eines der größten Open Access-Repositorien weltweit. Dass ausgerechnet Verlagsgigant Elsevier diese Plattform jetzt aufgekauft hat, verdeutlicht, dass „offenen“, „kostenfreien“, jedoch profitorientierten Plattformen wie Academia.edu oder ResearchGate mit größter Skepsis zu begegnen ist. Versprechen auf größtmögliche Sichtbarkeit von Forschungsergebnissen und uneingeschränkten Zugang zu wissenschaftlichen Arbeiten verdecken langfristige Ziele und Geschäftsmodelle der Unternehmen, die hinter den Plattformen stehen. Anders als Wissenschaftsverlage, die von den AutorInnen ein article processing charge (APC) verlangen, um Inhalte kostenfrei zugänglich zu machen und trotzdem daran zu verdienen, geht es privatwirtschaftlichen Publikationsplattformen um Daten. Es geht um Daten, die besagen, welche Artikel wo welchen Impact haben. Es geht um Nutzerprofile und Nutzerverhalten. Wie und zu welchem Zwecke diese Informationen genutzt werden (Werbung, Datenhandel, Überwachung) ist unklar. Genauso unklar ist, welche Daten überhaupt generiert werden und wie.

„Academia.edu has a parastical relationship to the public education system, in that these academics are labouring for it for free to help build its privately-owned for-profit platform by providing the aggregated input, data and attention value“, schreibt Gary Hall, Professor für Medienwissenschaft an der Coventry University, in seinem Post „Does Academia.edu Mean Open Access is Becoming Irrelevant?“. Und weiter: „We can thus see that posting on Academia.edu is not ethically and politically equivalent to making research available using an institutional open access repository at all.“ Kathleen Fitzpatrick, Medienwissenschaftlerin in den Digital Humanities, fügt in ihrem Post „Academia, Not Edu“ hinzu: „Everything what‘s wrong with Facebook is wrong with Academia.edu, at least just up under the surface, and so perhaps we should think twice before committing our professional lives to it“.

Es nichts Neues ist, dass auch wissenschaftliche Datenplattformen ein immer lukrativeres Geschäft versprechen. So kaufte Elsevier 2013 die Forschungsplattform Mendeley für einen Millionenbetrag im höheren zweistelligen Bereich von seinen drei deutschen Gründern ab. Kurz darauf forderte Elsevier in etwa 2.800 Abmahnungen die NutzerInnen des Konkurrenten Academia.edu auf, Artikel, die das Copyright verletzten, von der Plattform zu löschen.

Dennoch hat die Übernahme von SSRN durch Elsevier für große Verunsicherung und Aufregung gesorgt. „It’s like if Monsanto bought out your favorite organic farm co-op“, schreibt Cory Doctorow von Boing Boing. Eine der Hauptsorgen ist, was mit den Artikeln passiert, die auf SSRN gehostet werden. Was passiert etwa, wenn Elsevier den SSRN-Server zumacht, um Universitäten, die ihre Zeitschriftenabonnements von Elsevier aufgrund der enormen Preise und missliebigen Bezugsbedingungen gekündigt haben, dazu zwingen, ihre Kündigung zurückzuziehen, damit sie wieder Zugriff auf (ihre eigenen) Forschungsergebnisse haben?

Vielleicht geht es Elsevier auch darum, seine Monopolstellung gegenüber seiner Konkurrenten Springer und Wiley im wissenschaftlichen Zeitschriftenmarkt zu verteidigen. Doch was der eigentliche Gewinn ist: Daten. Wertvolle – für die NutzerInnen unbekannte, unzugängliche – Daten, die man –  wie den Impact Factor des Medienkonzerns Thomson Reuters – vermarkten kann. Christopher M. Kelty, Professor für Informationswissenschaft an der University of California, erklärt in seinem Beitrag „It’s the Data, Stupid. What Elsevier’s Purchase of SSRN also means“ auf savageminds.org:

SSRN represents better data about the impact of social science research than any single journal, or any publisher‘s data (even Elsevier, with its hundreds of social sciences journals), because it has been built on the good will, apparent neutrality, and level playing field of an open access repository. Until Tuesday May 17, it was not tied to any particular publishing conglomerate or metrics company, and so its data represented social science research with a fidelity to reality that is expensive and hard to otherwise achieve.

Doch bitte jetzt nicht in Schockstarre verfallen! Die Bedeutung dieser Daten – und damit der For-Profit-Plattformen – sinkt, wenn wir die Evaluation von wissenschaftlicher Arbeit anhand von quantitativen Kriterien an sich hinterfragen. Wenn wir die Aussagekraft von Impact Factor, Downloads und Publikationslisten kritisch prüfen. Wenn die Leistung von WissenschaftlerInnen stattdessen anhand von Qualität, Innovation und Engagement bewertet wird.

Es ist höchste Zeit, dass die verschiedenen Disziplinen Alternativen zu Plattformen wie Academia.edu und ResearchGate schaffen und ihre eigenen institutsübergreifenden Non-Profit-Repositorien à la ArXiv.org aufbauen, die durch Spenden, Mitgliedsbeiträge und Fördergelder langfristig finanziert werden. SSRN dient dafür ja jetzt leider nicht mehr als Beispiel…

Facebooktwitterlinkedinmail
twitter